Native App oder Webapp: Was solltest du bauen?
Native App oder keine native App? Diese Frage stellt sich bei uns im Kittysplit-Hauptquartier regelmäßig. Kittysplit ist eine einigermaßen erfolgreiche Webapp zum Aufteilen von Ausgaben in der Gruppe, mit 70.000 Nutzern im Monat. Sie ist responsive und funktioniert im mobilen Browser ziemlich gut: 80 % unserer Nutzer sind mobil unterwegs. Trotzdem bekommen wir oft die Bitte: „Bitte baut eine App!“ 🙏. Was unsere Nutzer natürlich wollen, ist eine „native“ App, die man aus dem App Store installieren kann. Eine Webapp dagegen ist eine App, die in deinem Browser läuft (also in Chrome oder Safari).
Die Antwort ist doch klar: eine App bauen! Oder? Jede Firma, die etwas auf sich hält, hat eine App.

Schauen wir uns das mal genauer an. Wir sind uns ziemlich sicher, dass viele unserer längst verschwundenen Konkurrenten ihr Schicksal mit der Entscheidung besiegelt haben, dass sie eine App brauchen. Wenn du erst mal eine Webapp hast, die gut genug ist, sind die Vorteile einer zusätzlichen nativen App gar nicht so groß.
Was für eine App spricht
Welche Vorteile hat eine native App? Gehen wir die Liste durch und schauen dann, was die Gegenseite zu sagen hat.
1. Für die mobilen Nutzer
Wenn 80 % der Kittysplit-Nutzer mobil unterwegs sind, sollten wir ihnen doch eine App geben!
2. Offline-Zugriff
Manchmal sind Leute an Orten ohne WLAN (wie unvernünftig!), wo Kosten anfallen, die aufgeteilt werden müssen. Mit einer App könnten sie die Ausgaben offline eintragen, und alles würde sich synchronisieren, sobald sie wieder online sind.
3. Ein App Store zeigt Reputation und schafft Vertrauen
Es ist leichter, potenzielle Nutzer davon zu überzeugen, dass dein Produkt etwas taugt und zuverlässig ist, wenn du viele Installationen und einen Haufen guter Bewertungen im App Store hast.
4. Push-Benachrichtigungen
Push-Benachrichtigungen sind das Crack, mit dem du Nutzer immer wieder in deine App zurückholst. In unserem Fall könnten Nutzer benachrichtigt werden, wenn in ihren Kitties Ausgaben hinzugefügt oder bearbeitet wurden.
5. Ein Icon auf dem Homescreen
Wenn eine Nutzerin ständig dein App-Icon auf ihrem Handy sieht, öffnet sie die App auch viel eher.
6. Angeben
Wir sind ein Startup aus Berlin, da brauchen wir natürlich unbedingt eine App, mit der wir um drei Uhr morgens in verrauchten Bars herumwedeln können.
Bis hierhin ziemlich überzeugend. Schauen wir mal, was die Gegenseite zu sagen hat.
Was gegen eine native App spricht
Welche Nachteile hat also eine App?
1. Native Apps kosten Geld — und zwar jede Menge.
Selbst die simpelste App, die kaum mehr kann als „Hello World“ zu sagen, kostet schon 5.000 EUR. Sobald die App schicke Sachen macht, etwa mit einem Server reden, schießt die Zahl im Handumdrehen auf über 50.000. Und dann kommt der Haken: Du musst die App zweimal bauen, einmal für iOS und einmal für Android. Ja, wir kennen plattformübergreifende Lösungen, aber die sind (immer noch) Mist.
Wenn du dagegen eine solide Webapp baust, erreichst du alle, auch Individualisten mit Windows Phones und anderen wunderbaren Apparaten.
Bei uns ist Geld nicht das Problem (weil wir keins haben), aber Zeit schon. Das Argument gilt trotzdem genauso. Wie schon Richard Branson sagte: „Zeit ist das neue Geld.“
2. Native Apps zu entwickeln ist mühsam
Apps zu bauen ist schwer. Es wird zwar einfacher, ist aber immer noch viel schwerer als bei Webapps. Die Qualitätssicherung ist ein Thema, vor allem bei Android wegen der Fragmentierung. Neue Versionen zu veröffentlichen ist auch nervig, vor allem bei iOS wegen des Review-Prozesses.
Wenn du dagegen eine Webapp aktualisierst, bekommt jeder Nutzer das Update sofort und merkt es wahrscheinlich nicht mal.
Dann ist da noch die Entwicklungsgeschwindigkeit. Wenn du mehrere Plattformen unterstützt, musst du Funktionen auf allen gleichzeitig ausrollen — oder zumindest sicherstellen, dass fehlende Funktionen das Produkt nicht kaputt machen. Das bremst deine Produktentwicklung enorm. Auch das ist kein Problem, wenn du nur eine Plattform hast.
3. Das Onboarding bei nativen Apps ist mies
Wenn dein Produkt viral wachsen soll, brauchst du ein richtig schnelles Onboarding. Genau das hat Kittysplit gerade: Wenn dir jemand den Link zu einem Kitty schickt, bist du mit 2 Klicks drin und kannst loslegen. Es gibt keine Chance, dass eine App-Installation plus Anmeldung jemals so einfach sein könnte.
Beim Onboarding sind wir im Vergleich zur Konkurrenz wahrscheinlich am stärksten (zusammen mit der Tatsache, dass sich niemand registrieren muss). Eine App wäre für uns ein großer Schritt zurück.
4. Offline-Zugriff
Okay, hier gewinnt eine native App ganz klar. Aber bedenke: Situationen ganz ohne Internet werden von Jahr zu Jahr seltener. Wenn wir heute in den Urlaub fahren, kaufen wir ein Datenpaket, was vor fünf Jahren noch richtig teuer oder gar nicht möglich war.
Und dann gibt es noch die sogenannten Progressive Web Apps, die das Offline-Problem lösen. Aber dazu ein andermal mehr.
Das Urteil
In unserem Fall ist das Urteil klar: Wir brauchen (gerade) keine App. Es ergibt keinen Sinn, unsere Entwicklung stark auszubremsen und neue Nutzer allen möglichen Onboarding-Problemen auszusetzen, nur um ein relativ seltenes Szenario zu verbessern.
Update 10.09.2025: Sechs Jahre später haben wir doch eine gebaut. Der Wunsch nach einer App wurde jedes Jahr lauter, und seit Compose Multiplatform stabil ist, können wir Android und iOS aus einer einzigen Codebasis bauen. Damit hat sich das Problem von oben erledigt, die App zweimal bauen zu müssen. Hier erfährst du mehr. Die Webapp funktioniert weiterhin ganz ohne Installation, und über einen Link bist du immer noch mit zwei Klicks in einem Kitty.
Natürlich gibt es viele Fälle, in denen eine native App der einzige Weg ist (Fotos, standortbasierte Hintergrunddienste oder alles, was auf Sensoren oder Synchronisierung angewiesen ist). Trotzdem gibt es da draußen viele Startups, nicht nur unsere Konkurrenten, die sich einen großen Gefallen tun würden, wenn sie einer nativen App nicht zu viel Priorität geben — und vielleicht sogar ganz ohne auskommen.